Bis zu 60 Second Life Nutzer fanden sich am letzten Dienstagabend (MET) auf der „Linden Estate Services“ Sim zu einer Demo ein. Einige der hauptsächlich französischsprachigen Teilnehmer führten dabei sogar die schwarz-rote Flagge des Anarchosyndikalismus bei sich. War es also endlich soweit? Die Überwindung des Kapitalismus im Metaversum?
Natürlich nicht ganz. Die kleine Revolution zielte nicht auf die Übernahme von (virtuellen) Produktionsmitteln durch die SL Bewohner, sondern richtete sich gegen die neue Preispolitik von Linden Labs (LL) bei den so genannten Openspace Sims.
Openspace Sims, im SL-Slang manchmal auch „Low Prim Sims“ genannt, sind spezielle von LL im März diesen Jahres eingeführte Sims, deren Primzahl auf 3750 beschränkt wurde, die dafür aber schon für USD$250 Einrichtungs- und dann USD$75 Monatsgebühr zu haben waren.
Während eine normale Sim jedoch ihren eigenen Prozessor (CPU) hat, teilen sich vier Openspace Sims einen CPU. Auch muss man zunächst einmal eine normale Sim haben, bevor man dann eine oder mehrere Openspace Sims erwerben kann.
Eine weitere wichtige Einschränkung betrifft die Nutzungsmöglichkeiten der Openspace Sims. Sie sind nur für „leichte Nutzung“ gedacht, die SL Residenten sollen hier z.B. offene Wasserflächen zum Bootfahren oder malerisch schöne Wälder einrichten. Bauen, leben, mieten oder Events veranstalten ist auf diesen „verbilligten“ Sims dagegen aus Gründen der Performance nicht gestattet (siehe „What are Openspaces and what do they cost?“, in: Second Life Knowledge Base).
Trotz dieser Einschränkungen wurden die neuen Openspace Sims LL regelrecht aus den Händen gerissen. Jedoch hielten sich offenbar viele SL Nutzer nicht an die beschränkten Nutzungsmöglichkeiten und verwendeten die Openspace Sims wie normale Sims, bauten also Häuser die sie vermieteten, veranstalteten Events, etc. Die Belastung dieser „Low Prim Sims“ war dann deutlich höher, als von LL erwartet.
Dies gab zumindest Jack Linden am vergangenen Montag auf dem offiziellen Second Life Blog bekannt und begründete damit einen Preisanstieg für die Openspace Sims um 66% zum 1. Januar 2009. Konkret steigt die Einrichtungs- oder Erwerbs-Gebühr von USD$250 auf USD$375 und die monatliche Gebühr von USD$75 auf USD$125 („Openspace Pricing and Policy Changes“, Second Life Blog, 27/10/08).
Diese Ankündigung löste in Second Life einen jener Proteststürme aus, die bei Missmanagement durch LL in regelmässigen Abständen zwar immer mal wieder vorkommen, dabei jedoch nur selten solche Dimensionen annehmen wie in diesem Fall. Es gründete sich eine Gruppe namens -SOS- (Save Our (Open)Sims) die innerhalb von drei oder vier Tagen über 3.000 Mitglieder verbuchen konnte und deren Protest-Schilder und -Flaggen zur Zeit überall zu sehen sind. Als die Group nach einem internen Zwist wieder aufgelöst wurde, schlossen sich der Nachfolge-Group +SOS+ bereits innerhalb der ersten 24 Stunden auch wieder 1755 SL Residenten an („Vryl Valkyrie Nukes 3000 Member OpenSpace Protest Group“, Second Life Herald, 30/10/08).

Die SOS-Bewegung koordiniert nahezu täglich Protestaktionen und Demonstrationen in SL. So fanden Proteste nicht nur auf der eingangs bereits erwähnten „Linden Estate Services“ Sim sondern z.B. auch auf den neuen von LL jüngst ins Leben gerufenen „Nautilus“ Vorzeige-Sims statt. Hier musste sich der Protest dann sogar aufsplitten, da mehr Leute zur Demo kamen, als eine einzige Sim aufnehmen konnte. Mindestens eine der Nautilus Sims soll dann unter dem Ansturm auch gecrasht sein („Open Spaces Protest Closes Nautilus Sim!“, Second Life Herald, 28/10/08).
Im bekannten SL-Portal SLinside.com gibt es einen Foren-Thread in dem die Leute einfach nur auflisten, welche geplanten oder bereits existierenden Sim-Projekte durch die angekündigte Preiserhöhung sterben werden („Open Space Preiserhöhung – welche Projekte sterben?“, SLinside.com). Darunter sind viele kleinere Projekte ebenso wie größere, ambitioniertere wie z.B. das German Newbie Center (GNC) von New Simland Estate.
Die treibende Kraft hinter New Simland und eine der größten Landbesitzerinnen im deutschsprachigen SL, Kristina Simon, rechnet in einem Blogeintrag gnadenlos mit der Preispolitik von LL ab. Nachdem durch LL bedingten Preisssturz der Sims der durch die Einführung der Openspace Sims zusätzlich angeheizt wurde, hatte sich Kristina mühsam auf die neue Situation eingestellt und viele ihrer Fullsims gegen teuer Geld in Openspaces umgewandelt. Nun steht sie vor dem Scherbenhaufen ihrer Bemühungen, da LL quasi über Nacht einen Preisanstieg der Openspace Sims ankündigt und Kristinas gesamte Kalkulationen über den Haufen wirft. Das vernichtende Fazit: Die für den Einsatz von Kapital essentiell wichtige Planungssicherheit ist bei Linden Labs ganz einfach nicht gegeben („SOS: Save our Open Sims!“, Second Life Insiders, 28/10/08).
Kontrovers diskutiert wird auch, ob LL im Vorfeld nicht deutlich präziser hätten definieren müssen, was sie genau unter „Missbrauch“ der Openspaces Sims verstehen und dann gegen einzelner Missetäter hätten vorgehen müssen, anstatt einfach eine kollektive Preiserhöhung anzusetzen. Dass es „Missbrauch“ bei keiner Kontrolle und keiner wirklich klaren Grenzziehung geben würde, hätte LL klar sein müssen.
Jack Linden betont, alle Vorschläge, Einwände, Kritikpunkte, etc. würden sorgfältig geprüft („Update regarding the Openspaces announcement“, Second Life Blog, 29/10/08). Und tatsächlich mangelt es nicht an Alternativvorschlägen, wie z.B. einfach die Anzahl der Personen die sich zeitgleich auf einer Openspace Sim aufhalten dürfen auf 10 zu begrenzen.
Dass sich LL aber auf diese Alternativvorschläge wirklich einlässt und im Zuge des starken Gegenwindes die angekündigte 66-prozentige Preiserhöhung zurücknimmt, ist dagegen eher unwahrscheinlich. So laut der Aufschrei durch Gruppen wie der SOS-Bewegung auch sein mag, ähnliche Protestversuche gab es in Second Life auch früher schon und Linden Labs konnte sie immer erfolgreich aussitzen. Den resignierenden Sim-Betreibern stehen einmal mehr jene gegenüber, die die Kröte dann eben schlucken und die Preiserhöhung mitmachen.